Ray Wilson in Worpswede 2012

Herbstzeit = Stiltskinzeit. Stiltskin, so nennt sich die Band rum um Ray Wilson, der den Part des Sängers bei Genesis 1997 übernahm, nachdem Phil Collins diesen Job für eine gewisse Zeit aufs Eis legte. Aus der Sicht der damaligen Ursprungsmitglieder war der Erfolg der daraus resultierende Platte „Calling all Stations“ mit Ray als Sänger nur mäßig, so dass sie das Projekt „Genesis“ beendeten. Ray besann sich auf seine Wurzeln, reanimierte seine Band „Stiltskin“, mit der er Anfang der 90er auch Dank einer Kampagne einer Jeansfirma, die den Song „Inside“ für ihre Werbung benutzte, großen Erfolg hatte, und tourt seitdem in kleinere Locations quer durch Europa, hauptsächlich Deutschland und Polen.

Ray Wilson ist dafür bekannt, dass er sich ständig neue Projekte sucht. Und da „Genesis“ immer noch zieht, hat er auch diese Songs immer im Repertoire. Im Herbst jedoch gibt es traditionell Auftritte, wo er ausschließlich „seine“ Sachen spielt, weg von den Genesis-Mainstream, was ihn auch viele Fans danken, und dafür auch weite Fahrtstrecken auf sich nehmen. So auch ich, der zum zweiten Mal die knapp 2.5-Stunden lange Fahrt nach Worpswede auf sich nahm. Diesmal war es aber kein reines Stiltskin-Konzert, was mich anfangs skeptisch machte. Wie ich schon erwähnte, sucht Ray immer neue Projekte. Nach seinem großen Erfolg seiner letzten Plattenveröffentlichung (eine Box bestehend aus einem Konzertmitschnitt als CD und DVD, wo er „Genesis-Classic“ spielte, und seinem neuen Stiltskin-Album „Unfulfillment“ , die auf Platz 21 der deutschen Albumcharts stieg), tourt er mit dem Projekt „Genesis vs. Stiltskin“ durch die Landen.

So nun auch wieder hier in der Music-Hall in Worpswede. Wie so viele Künstler, die hier schon aufgetreten sind, so bezeichnet auch Ray Wilson diese Location als sein zweites Wohnzimmer. Und es ist ihm anzusehen, dass es ihn hier sehr viel Spaß macht.

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Ich wollte nicht denselben Fehler wie letztes Jahr machen, und reiste etwas früher und ausgeruhter an. So war der Plan. Aber zwischen Theorie und Praxis liegen bekanntlich manchmal Welten. So kam ich doch nur relativ ausgeschlafen verspätet am Hotel an. Das Einchecken war schnell erledigt, das Zimmer in diesem kleinen familiären Hotel einfach aber gut. Schnellen Schrittes begab ich mich zur 200 Meter entfernten Music-Hall. Dort, in der angrenzenden Kneipe, wurde ich von vielen bekannten und (noch) unbekannten Gesichtern begrüßt. Leider hatte ich meine ausgedruckten Poster, auf der Ray ein von mir gemachtes Foto benutzt, im Hotelzimmer vergessen, so dass ich nochmals durch die Nacht hetzte. Außer Atem und verschwitzt saß ich nach Rückkehr sodann in der verrauchten Kneipe, nuckelte an einer kleinen Flasche Cola und wanderte zwischen drei Tischen hin und her, um mich mit lang nicht mehr gesehene oder neu kennengelernte Menschen zu unterhalten. Nach nur knapp einer viertel Stunde war aber diese „Gemütlichkeit“ (ich muss mehr Sport treiben, ich muss nächstes Jahr früher hier hin) vorbei, denn dann hieß es, sich für den Einlass anzustellen.

In der Halle empfing mich wieder diese typische Atmosphäre, die ich schon letztes Jahr verspürt habe. Die dunklen Holzwände waren mit Konzertplakaten aus verschiedenen Epochen zugekleistert, in der Ecke, wo sich eine Theke befand, hingen an der Wand unzählige Schwarz-Weiß-Fotos vieler hier aufgetretener Künstler. Alles in allem atmete dieser Raum Musikgeschichte aus, in der man sich hineinfallen lassen will, um einen grandiosen Abend zu genießen. Ich kann es nicht anders beschreiben…

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Mein erster Weg führte mich aber zum Merchandising-Stand.

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Wie schon berichtet, benutzt Ray ja ein Foto, das ich von ihm gemacht habe, für seine Merchandising-Produkte (nachzulesen hier: BLOG). Und diese wollte ich nun endlich mal mit eigenen Augen sehen. Und was soll ich sagen? Es war und ist ein tolles und zugleich merkwürdiges Gefühl, „sein“ Foto auf T-Shirts, Aufkleber, Umhängetaschen etc. zu sehen. Ich ließ den Anblick etwas auf mich wirken, und begab mich dann zur Bühne.

Schnell füllte sich die Halle, und kurz vor 20 Uhr begann Ali Ferguson, Lead-Gitarrist von „Stiltskin“ als Vorprogramm Stücke von seinem Debütalbum „The Windmills And The Stars“ zu spielen. Gegensätzlicher kann die Musik nicht sein. Während man bei Ray heute erwartungsgemäß harte Songs erwarten konnte, waren die Stücke von Ali sehr ruhig und eher in Richtung Lounge einzuordnen. Normalerweise nicht zum „Anheizen“ geeignet, aber das Publikum wusste, was auf sie zukam, so dass Ali ehrlichen Applaus für seine Musik bekam.

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Nach seinem Auftritt und einer kleine Pause wurde es voll auf der Bühne. Erste Takte von „Congo“ aus dem gemeinsamen Album „Calling all Stations“ wurden gespielt, dann trat Ray in seinem gewohnt legeren Outfit auf: die Jeans stark durchlöchert, Schlabber-Shirt, dazu ein 5-Tage-Bart und lange Haare. Von Anfang an hatte er das Publikum fest in seiner Hand. Die Songauswahl war sehr gut, so dass beide Lager, also die Genesis-Fans und die, die mehr auf seine Sachen stehen, gut bedient wurden. Meine anfängliche Skepsis verflog rasch, obwohl das Konzert im letzten Jahr, wo er fast ausschließlich seine Songs spielte, rockiger und härter war; aber das liegt nunmal in der Natur der Lieder: Stiltskin ist halt härter und rockiger.

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Nach einer kurzen Pause, in der die Theke im Hintergrund gut besucht wurde, ging es weiter. Da die Songliste unweit von mir auf der Bühne lag, fiel mir auf, dass diese mit Filzschreiber nach dieser Pause, was die zweite Hälfte des Konzertes anbelangte, neu bearbeitet wurde. Ob nur in der Reihenfolge, oder ob nun komplett andere Songs draufstanden, kann ich nicht mehr sagen. Da sieht man mal wieder, dass Ray nie gradlinig und eingefahren ist, selbst während eines Konzertes gibt er mal ein geplantes Line-Up auf.

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Leider musste ich den Schlafmangel der letzten Zeit und dem Umstand, dass ich an diesem Tag noch nicht viel gegessen und getrunken hatte, Tribut zollen. Etwas weich in den Knien begab ich mich erst raus an die kalte, frische Luft, doch nach Rückkehr an die Bühne merkte ich, dass das nicht viel geholfen hatte. So verbrachte ich die letzten 20 Minuten des Konzertes auf dem Boden sitzend, mein Rücken an die Wand gelehnt. Dort konnte ich aber die Reaktionen des Publikums gut verfolgen, was auch recht interessant war.

Weit nach Mitternacht war das grandiose Konzert dann beendet. Das Publikum ging begeistert nach Hause. Nicht wenige begaben sich noch an den Merchandising-Stand, um sich mit Ray fotografieren zu lassen, mit ihm zu reden oder eben Sachen zu kaufen. Auch ich war dann da, wollte mit Ray sprechen. Er erkannte mich auch sofort, fragte nach meinem Befinden und dem meines Bruders, den er in Kamen kurz kennen gelernt hatte. Ich war allerdings so neben der Spur, dass ein richtiges Gespräch nicht aufkam, was mich sehr ärgerte. Ich vergaß sogar, mich bei Ray zu bedanken, als ich mehrere Merchandising-Sachen auf seinem Wink hin geschenkt bekommen habe (am nächsten Tag Zuhause schrieb ich ihn eine längere Mail, um mich dafür zu entschuldigen).
Später im Hotel gab es dann noch eine kleine private After-Show-Party mit meinen Freunden, die ich über Facebook kenne, aber aufgrund der Entfernungen nur bei solchen Anlässen treffe. Irgendwann um 2.30 Uhr morgens schleppte ich mich kaputt in mein Hotelbett…

Das Frühstück einige Stunden später war großartig und der Kaffee weckte meine müden Lebensgeister. Ich verließ Worpswede mit der festen Absicht, nächstes Jahr nun wirklich sehr viel früher da zu sein, um endlich mal entspannter das Ganze genießen zu können. Wirklich…!

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3 Antworten zu Ray Wilson in Worpswede 2012

  1. melzer schreibt:

    Und da sag noch einmal wer, dass es einfach sei, ein begeisterter Fan zu sein…

    Interessanter Artikel,
    lieben Gruß vom Melzer

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  2. BaltruschPhoto schreibt:

    Nein, manchmal ist es wirklich sehr anstrengend. Vielleicht liegt es auch an meinem Alter. 🙂

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  3. Pingback: Ray Wilson in Worpswede 2013 | Baltrusch-Photo

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