Eine leere Bühne

Ort: Der Irish Pub „„Wild Geese““ mitten in Braunschweig.
Zeit: Juli 2007, abends.

Ich liebe diesen Pub. Ob es daran liegt, dass ich damals hier meine heutige Frau näher kennenlernte, oder ich ein absoluter Fan von Irland bin, kann ich nicht sagen. Vielleicht beides. Als ich dann noch hörte, dass Ray Wilson hier auftreten soll, bemühte ich mich um Tickets für dieses schon ausverkaufte Event. Freundlicherweise schickte mir Christian Gerhardts vom deutschen Genesis Fanclub noch zwei Karten zu, so dass für diesen Abend nichts mehr im Wege stand. So reisten meine Frau und ich aus dem Ruhrgebiet an, und sitzen nun in diesem wahnsinnig gemütlichen Pub.

Dieser besteht durchweg aus dunklem Holz, an den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotografien mit Motiven von unserer Lieblingsinsel. Die Theke steht im Eingangsbereich und ist natürlich mit Whiskys aus allen Herren Länder bestückt. Leere Whiskyflaschen und –verpackungen sind überall im Pub verteilt. Im hinteren Bereich in einer Ecke gedrückt befindet sich eine sehr kleine Bühne, die kaum Platz für zwei Personen bietet. Den Soundcheck hat Ray schon hinter sich gebracht, seine Gitarre lehnt sich verwaist an einem kleinen Tisch, daneben auf einem Holzschemel ein Mikrofon. An der rückseitigen Wand hängt etwas schief und Falten werfend ein überdimensionales Werbebanner aus Stoff mit der Aufschrift „Guinness“. Direkt daneben eine große Bahnhofsuhr, deren Zeiger wohl schon vor langer Zeit auf 9.44 Uhr stehen geblieben sind.

Der kleine und sehr dunkel gehaltene Raum füllt sich zusehends. Viele Leute tragen T-Shirts mit div. Genesis-Motiven, diskutieren über diese Gruppe im Allgemeinen oder Ray im speziellen. Schnell sind wir mit eingebunden; die Zeit schreitet voran. Immer wieder ziehe ich aber los, um mit meiner Kamera Eindrücke festzuhalten. Dann, Ray’s Auftritt steht wohl unmittelbar bevor, fällt mein Blick erneut auf die Bühne. Das Arrangement gefällt mir. Es wirkt auf mich, als ob der Augenblick eingefroren ist, schon alleine, weil sich die Uhrzeit nicht ändert. Nach wie vor bewegen sich die Zeiger nicht, noch immer warten auch die Gitarre und das Mikrofon darauf, dass der Künstler die Zeit durch seine Gegenwart anstößt, dem Augenblick Leben einhaucht. Ich stehe auf, noch immer den Blick auf die Bühne gerichtet, bahne ich mir den Weg zwischen den Tischen. Dann, dort angekommen, suche ich eine passende Perspektive, finde sie direkt auf der Bühne, richte meine Kamera darauf und drücke ab. Nun ist die Szene in meine Kamera gefangen.

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Dann wird mir bewusst, dass ich in meinem Tun von unzähligen Augen beobachtet werde. Etwas verlegen begebe ich mich wieder auf meinen Platz, werde von ungläubigem Gelächter empfangen. Warum ich denn eine leere Bühne fotografiere, werde ich gefragt. Mein Argument, dass diese eine gewisse Atmosphäre habe, wird erneut von Gelächter quittiert. Ich zucke mit meinen Schultern, und lasse das Thema, denn Ray betritt die Bühne und beginnt sein unvergessliches Konzert…

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Sechs Jahre später halte ich das Cover seiner neuen CD in meinen Händen. Es zeigt eine verlassene Bühne, die Gitarre verwaist an einemTisch gelehnt, das Mikrofon auf einem Holzschemel liegend.
Die Uhr zeigt 9.44 Uhr…

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Meine Website: Baltrusch-Photo

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Über Baltrusch Photo

Leidenschaftlicher Fotograf.
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Eine Antwort zu Eine leere Bühne

  1. TrixieSonnenschein schreibt:

    solche ERinnerungsreisen

    haben was

    ganz besonderes

    Gefällt mir

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